Seismic Exploration of the Alpine Lithosphere
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« back Kurier, 27.06.2002, Seite:11, Ressort:CHR next »
Künstliches Erdbeben in Österreich
KEINE PANIK Wenn kommende Woche quer durch Österreich laute Detonationen zu hören sind und gleich darauf der Boden wackelt, handelt es sich weder um ein Erdbeben, noch um einen Flugzeugabsturz oder ein anderes dramatisches Ereignis. Sondern um ein hörbares und spürbares wissenschaftliches Großexperiment.
ALP2002 - so nennt sich das internationale seismische Projekt zur Erforschung der Lithosphäre (die obersten 100 Kilometer der Erde, also Erdkruste und oberster Erdmantel) im Ostalpenraum. Das Experiment wird nächste Woche in Österreich, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Italien und Deutschland durchgeführt. Mittels Großsprengungen an insgesamt 33 Punkten, verteilt auf zwölf festgelegten Linien (siehe Grafik), werden seismische Wellen erzeugt, die dann von 1100 eigens ausgelegten Messstationen erfasst werden. Die Wissenschaftler erhoffen sich dadurch ein besseres Verständnisder tektonischen Vorgänge, wie Erdbeben, in diesem Raum (siehe Zusatzbericht).

50 METER TIEFE Zwölf der Sprengstellen liegen in Österreich, erklärt Projektleiter Ewald Brückl vom Institut für Geodäsie und Geophysik an der TU Wien. Die einzelnen Sprengpunkte liegen mindestens 30 Kilometern weit auseinander, jeweils in dünn besiedelten Gebieten. Brückl: An jeder Stelle werden fünf Bohrlöcher mit jeweils 50 Meter Tiefe gesetzt. Je 300 Kilo Sprengstoff Marke Austro-Gel (umweltfreundliches Donarit-Gelatine) werden darin versenkt. Der Sicherheitsabstand der Bohrlöcher zu allfällig in der Nähe befindlichen Gebäuden beträgt einen Kilometer Sprengteams zünden die Ladungen dann in genau vorgegebenen zeitlichen Abständen von 10 Minuten. In Österreich wird von Dienstag bis Donnerstag jeweils in den frühen Morgenstunden gesprengt. Zu Zeiten also, in denen wir mit geringen seismischen Bodenunruhen, etwa ausgelöst durch Verkehr, rechnen, so Brückl. Da detonierende Zündschnüre verwendet werden, sind im Umkreis der Bohrlöcher die Sprengungen ähnlich wie Böllerschüsse hörbar. Die ausgelöste Erschütterung im Erdinneren wird für Menschen im Umkreis von bis zu drei Kilometern spürbar sein. Die Messstationen samt Geophon (nicht größer als eine Coladose, aber pro Stück etwa 3600 Euro teuer) sollten die so erzeugten seismischen Wellen aber in einer Entfernung zwischen 300 und 500 Kilometern erfassen. Sie sind auf den jeweiligen Strecken zwischen den Sprengstellen in Abständen von zwei bis sechs Kilometer ausgelegt.

HILFE Dieses Projekt können wir eigentlich nur mithilfe der USA durchführen, erzählt Ewald Brückl, der seit rund drei Monaten mit den Vorbereitungen beschäftigt ist. Denn zehn Amerikaner rücken eigens mit 840 Messstationen an (in Österreich gibt es nur 30 Stück). Dafür finanziert Österreich mit rund 650.000 Euro mehr als die Hälfte der Kosten des Gesamtprojektes (teils über die Akademie der Wissenschaften) Die gesammelten Daten werden zunächst in den Einsatzzentralen in Wien, Prag, Budapest, Ljubljana und Zagreb ausgewertet und dann bei einem Meeting in Wien zusammengestellt.
Für uns ist das Grundlagenforschung und ein kleiner Beitrag, um das tektonische Verständnis zu vergrößern, führt Ewald Brückl aus. Das Ergebnis der Messungen wird auf einer eigenen Internetseite präsentiert. VON JOHANNES WOLF