Seismic Exploration of the Alpine Lithosphere
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« back Osttiroler Bote, 11.07.2002, Seite 8  
Ein "künstliches" Erdbeben am Staller Sattel
Im Zuge des wissenschaftlichen Großprojektes "ALP2002" kam es am Mittwoch, 3. Juli, zu einem künstlichen Erdbeben in Osttirol.

Um 4.20 Uhr konnte man im Gebiet des Staller Sattel ein dumpfes Grollen und anschließend Böllerschüsse vernehmen. Es handelte sich aber nicht um ein Salut zum Jahr der Berge, sondern um ein wissenschaftliches Experiment. Es dient zum besseren Verständnis tektonischer Vorgänge in der Lithosphäre, also der obersten 100 Kilometer, die die Erdkruste und den obersten Erdmantel umfassen.

Durch 30 Sprengungen in den Ostalpen (Tschechien, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Italien, Deutschland) wurden künstliche Erschütterungen erzeugt, die durch 1.100 seismografische Aufnehmer aufgezeichnet wurden. Zwölf Sprengungen erfolgten in Österreich, darunter im Defereggental und in Oberdrauburg.
Zuerst wurden fünf Sprenglöcher mit einer Tiefe von je 50 Metern gebohrt, in jedes dann 300 kg Sprengstoff versenkt. Eine Mannschaft von drei Leuten bewachte den Ort, die Zündung wurde von einem Schussmeister ausgelöst. Die Plätze wurden so ausgewählt, dass keine Schäden entstehen konnten. Ein enges Netz von seismografischen Stationen spannte sich auf einer Linie von der Wattener Lizum bis Zagreb.

"In Kärnten und Osttirol hatten wir eine besondere Dichte an Messstationen", erklärte Prof. Ewald Brückl von der Technischen Universität in Wien. Der gebürtige Osttiroler koordiniert das spektakuläre Experiment, das zu rein wissenschaftlichen Zwecken durchgeführt wurde. Durch das grundsätzlich bessere Verständnis der Erde könnte praktischer Nutzen resultieren "Wir erwarten uns, Erdbeben besser lokalisieren zu können", betont Brückl. Auch die Entwicklung von Lagerstätten wie Erdöl könne besser verstanden werden. "Aber es ist nicht so, dass wir in Osttirol jetzt Öl finden wollen", fügt der Wissenschaftler schmunzelnd hinzu.

Brückl weist darauf hin, dass das wissenschaftliche Großprojekt ohne die gute internationale Zusammenarbeit nicht möglich gewesen wäre. Aus den USA seien etwa 850 seismografische Messgeräte angeliefert worden. Das Forschungsprogramm wird durch ein Konsortium organisiert, dem elf Länder angehören. Allein in Österreich sind fünf Universitäts- und Forschungsinstitute beteiligt. Die Auswertungen des Experiments werden drei Jahre dauern. VON PETER UNTERWEGER