Seismic Exploration of the Alpine Lithosphere
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Seismisches Großexperiment im Alpenraum
Österreich und sechs Nachbarländer führen insgesamt 30 Sprengungen durch- Erforschung der Lithosphäre
Mit dem spektakulären seismischen Großexperiment ALP2002 in Österreich, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Italien und Bayern wollen Wissenschafter in der Woche vom 1. bis zum 7. Juli die 100 Kilometer starke oberste Schicht der Erde (Lithosphäre) erforschen. Dazu werden in diesem Gebiet entlang von zwölf Linien rund 30 Sprengungen mit jeweils 300 Kilogramm Sprengstoff durchgeführt. 1.100 Seismometer werden die dabei entstehenden Erschütterungen aufzeichnen. In Österreich wird es über das ganze Bundesgebiet verteilt zwölf Sprengungen geben.
DIE LITHOSPHÄRE
Die Lithosphäre umfasst die Erdkruste und den obersten Erdmantel, also die obersten 100 Kilometer, wo die Erde (Durchmesser: 12.740 Kilometer) noch fest ist. Sie besteht aus einer größeren Zahl von Platten, die auf der so genannten Asthenosphäre "schwimmen". Für die Forscher ist die Lithosphäre besonders interessant, weil genau dort Erdbeben entstehen.
Schon bisher schließen die Wissenschafter aus den Daten, die bei natürlichen Erdbeben aufgezeichnet werden, auf den Aufbau und die Beschaffenheit der Erde. Doch auf Grund der im Vergleich zum Experiment geringen Dichte an Erdbeben-Messstationen kann daraus nur ein grobes Modell der Lithosphäre berechnet werden.
MODELL-ERSTELLUNG
"Unser Ziel ist es, ein genaueres, dreidimensionales Modell der Struktur und der mechanischen Eigenschaften der Lithosphäre zu entwickeln", erklärte der österreichische Projektleiter, Univ.-Prof. Ewald Brückl vom Institut für Geodäsie und Geophysik der Technischen Universität Wien. Dadurch soll das Verständnis über aktuelle geodynamische Prozesse wie Erdbeben und andere tektonische Vorgänge vertieft werden. "Wir erwarten uns zum Beispiel, Erdbeben besser lokalisieren zu können und ihre Mechanismen besser zu verstehen", sagte Brückl.
Aber auch die Entwicklung von Sedimentationsbecken und die damit verbundene Entstehung von Lagerstätten wie Erdöl soll durch das Experiment besser verstanden werden. Ebenso wie das Spannungsfeld der Erde, das im Hinblick auf tief liegende Tunnel, wie etwa dem geplanten Brenner-Basistunnel, von besonderem Interesse ist.
DAS PROJEKT
Organisiert wird das Forschungsprogramm ALP2002 durch ein internationales Konsortium bestehend aus elf Ländern. In Österreich sind fünf Universitäts- und Forschungsinstitute beteiligt, die nationale Koordination erfolgt über das Forschungsprogramm "Geophysik der Erdkruste" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
In den letzten Wochen und Tagen wurden an rund 30 Punkten im gesamten Untersuchungsgebiet die Sprenglöcher gebohrt - jeweils fünf, rund 50 Meter tiefe Löcher, wo jeweils 300 Kilogramm Sprengstoff versenkt werden. "Die Plätze wurden so gewählt, dass keine Schäden durch die Sprengungen entstehen können", betonte Brückl. Am 1. und 2. Juli werden die 1.100 seismischen Stationen an den vorgesehenen Standorten aufgestellt. Vom 2. bis 5. Juli erfolgen dann - zeitversetzt - die Sprengungen, und zwar jeweils in den frühen Morgenstunden. "Wir haben die Sprengzeiten so gewählt, dass einerseits die seismische Bodenunruhe gering ist, weil wenig Verkehr ist, andererseits den gesetzlichen Vorschriften entsprochen wird", so Brückl. Von 5. bis 7. Juli werden schließlich die Seismometer zurückgebracht und die Daten gesichert.
SCHAUPLÄTZE
Gesprengt wird in Österreich in der Wattener Lizum, im Defreggental (Tirol), Oberdrauburg, Arnoldstein, Eisenkappl, Maltatal, Wolfsberg (Kärnten), Mürzzuschlag, Schladming, Veitsch (Steiermark) sowie in Schärding und am Attersee (Oberösterreich)
Die Sprengungen wird man nach Angaben des Wissenschafters noch in zwei bis drei Kilometer Entfernung spüren. Zu hören ist dabei einerseits die "detonierende Zündschnur", etwa so laut wie ein Böller, und ein dumpfes Grollen von der eigentlichen Sprengung. Seismische Stationen werden die Detonationen noch in 300 bis 500 Kilometer Entfernung registrieren. Die Auswertung des Experiments wird etwa drei Jahre dauern. (APA)