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der Standard online, 26.Juni 2002
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| Seismisches Großexperiment im Alpenraum |
| Österreich und sechs Nachbarländer führen insgesamt 30 Sprengungen durch- Erforschung der Lithosphäre |
Mit dem spektakulären seismischen Großexperiment ALP2002 in Österreich, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Kroatien,
Italien und Bayern wollen Wissenschafter in der Woche vom 1. bis
zum 7. Juli die 100 Kilometer starke oberste Schicht der Erde (Lithosphäre)
erforschen. Dazu werden in diesem Gebiet entlang von zwölf
Linien rund 30 Sprengungen mit jeweils 300 Kilogramm Sprengstoff
durchgeführt. 1.100 Seismometer werden die dabei entstehenden
Erschütterungen aufzeichnen. In Österreich wird es über
das ganze Bundesgebiet verteilt zwölf Sprengungen geben.
DIE LITHOSPHÄRE
Die Lithosphäre umfasst die Erdkruste und den obersten Erdmantel,
also die obersten 100 Kilometer, wo die Erde (Durchmesser: 12.740
Kilometer) noch fest ist. Sie besteht aus einer größeren
Zahl von Platten, die auf der so genannten Asthenosphäre "schwimmen".
Für die Forscher ist die Lithosphäre besonders interessant,
weil genau dort Erdbeben entstehen.
Schon bisher schließen die Wissenschafter aus den Daten, die
bei natürlichen Erdbeben aufgezeichnet werden, auf den Aufbau
und die Beschaffenheit der Erde. Doch auf Grund der im Vergleich
zum Experiment geringen Dichte an Erdbeben-Messstationen kann daraus
nur ein grobes Modell der Lithosphäre berechnet werden.
MODELL-ERSTELLUNG
"Unser Ziel ist es, ein genaueres, dreidimensionales Modell
der Struktur und der mechanischen Eigenschaften der Lithosphäre
zu entwickeln", erklärte der österreichische Projektleiter,
Univ.-Prof. Ewald Brückl vom Institut für Geodäsie
und Geophysik der Technischen Universität Wien. Dadurch soll
das Verständnis über aktuelle geodynamische Prozesse wie
Erdbeben und andere tektonische Vorgänge vertieft werden. "Wir
erwarten uns zum Beispiel, Erdbeben besser lokalisieren zu können
und ihre Mechanismen besser zu verstehen", sagte Brückl.
Aber auch die Entwicklung von Sedimentationsbecken und die damit
verbundene Entstehung von Lagerstätten wie Erdöl soll
durch das Experiment besser verstanden werden. Ebenso wie das Spannungsfeld
der Erde, das im Hinblick auf tief liegende Tunnel, wie etwa dem
geplanten Brenner-Basistunnel, von besonderem Interesse ist.
DAS PROJEKT
Organisiert wird das Forschungsprogramm ALP2002 durch ein internationales
Konsortium bestehend aus elf Ländern. In Österreich sind
fünf Universitäts- und Forschungsinstitute beteiligt,
die nationale Koordination erfolgt über das Forschungsprogramm
"Geophysik der Erdkruste" der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften.
In den letzten Wochen und Tagen wurden an rund 30 Punkten im gesamten
Untersuchungsgebiet die Sprenglöcher gebohrt - jeweils fünf,
rund 50 Meter tiefe Löcher, wo jeweils 300 Kilogramm Sprengstoff
versenkt werden. "Die Plätze wurden so gewählt, dass
keine Schäden durch die Sprengungen entstehen können",
betonte Brückl. Am 1. und 2. Juli werden die 1.100 seismischen
Stationen an den vorgesehenen Standorten aufgestellt. Vom 2. bis
5. Juli erfolgen dann - zeitversetzt - die Sprengungen, und zwar
jeweils in den frühen Morgenstunden. "Wir haben die Sprengzeiten
so gewählt, dass einerseits die seismische Bodenunruhe gering
ist, weil wenig Verkehr ist, andererseits den gesetzlichen Vorschriften
entsprochen wird", so Brückl. Von 5. bis 7. Juli werden
schließlich die Seismometer zurückgebracht und die Daten
gesichert.
SCHAUPLÄTZE
Gesprengt wird in Österreich in der Wattener Lizum, im Defreggental
(Tirol), Oberdrauburg, Arnoldstein, Eisenkappl, Maltatal, Wolfsberg
(Kärnten), Mürzzuschlag, Schladming, Veitsch (Steiermark)
sowie in Schärding und am Attersee (Oberösterreich)
Die Sprengungen wird man nach Angaben des Wissenschafters noch in
zwei bis drei Kilometer Entfernung spüren. Zu hören ist
dabei einerseits die "detonierende Zündschnur", etwa
so laut wie ein Böller, und ein dumpfes Grollen von der eigentlichen
Sprengung. Seismische Stationen werden die Detonationen noch in
300 bis 500 Kilometer Entfernung registrieren. Die Auswertung des
Experiments wird etwa drei Jahre dauern. (APA) |
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