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Der Standard, 05.07.2002, Seite: 30 Ressort: Wissenschaft |
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| Blick in 3-D durch den Erdmantel Großexperiment ALP2002 vor Abschluss |
Wien - Zwei staubige Tage hinter dem Volant haben die Geophysiker
Harald Figdor und Walter Loderer schon hinter sich, hügelauf,
hügelab auf kurvigen Landstraßen durch den Wienerwald:
Einer von insgesamt 23 österreichischischen Trupps im Dienste
der Wissenschaft.
Etwa alle zehn Kilometer legten Figdor und Loder einen Zwischenstopp
ein. Dann zückten sie Schaufel und Spaten, um unter Bäumen
oder hinter Büschen - dort, wo es niemand sieht - je ein silbergraues,
Halbliter- Cola-Dosen-großes Gerät samt einer roten Sonde
zu vergraben: eine von 1100 kleinen, sehr wertvollen seismischen
Stationen, die im Rahmen des international vernetzten Großexperiments
Alp 2000 zur Erforschung des oberen Erdmantels - der Litosphäre
- im Ostalpenraum die Hauptrolle spielen.
Die vorprogrammierten Sensoren nämlich haben die Erschütterungen
nach insgesamt 33 Großsprengungen à 300 Kilo Donarit-Gelatine
in 50 Metern Tiefe aufgezeichnet, die zwischen Dienstag und Freitag
ausgelöst wurden. Zwölf davon auf österreichischem
Gebiet, aus Sicherheitsgründen jeweils gegen vier Uhr morgens,
"wenn es schon hell geworden ist", wie Ewald Brückl
vom Institut für Geodäsie und Geophysik der Universität
Wien schildert.
Als Nutzen der generalstabsmäßigen Planung und der ausgefeilten
Logistik erwarte man "präzisere Erkenntnisse über
die mechanische Struktur der Erdkruste". Jener ersten 100 Kilometer
unterhalb des Oberfläche, die weltweit aus Platten besteht,
unterbrochen durch Schwellen und Gräben.
Die "seismischen Wellen", durch experimentale Explosionen
ausgelöst, könnten - so Brückl - "Aufschluss
über die genaue Lage und Tiefe" dieser Einbrüche
geben. Mit dem Ziel, ein 3-D-Modell der Litosphäre zu erarbeiten,
samt Lagerstättenvorkommen und dem Verlauf der Erdwärmeströme.
"In einem weiteren Schritt", so der heimische Experimentleiter,
werde dieses Wissen mithelfen, Erdbeben effektiver als bisher voraussagen
zu können. Mit ein Grund, warum US-amerikanische Wissenschafter
- "vor allem aus Kalifornien, wo die Erdbebengefahr groß
ist " - viel Interesse an den Versuchen hätten.
Ein Großteil der ausgelegten seismischen Stationen seien von
der Universität von El Paso zur Verfügung gestellt worden:
Zumal die Alpen aufgrund ihrer geologischen "Wurzeln"
und der geringeren geologischen Dichte "weltweit eine Sonderposition
einnehmen". VON IRENE BRICKNER
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